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Wie Bayern vermessen wurde: Die erste exakte Landesvermessung Europas

Historischer Repetitionstheodolit von Reichenbach, wie er bei der Bayerischen Uraufnahme ab 1808 eingesetzt wurde
Tima Miroshnichenko / Pexels

Bayern wurde zwischen 1801 und 1867 als erstes Land Europas exakt vermessen – Grundlage war ein trigonometrisches Dreiecksnetz, die Soldner-Projektion und über 23.000 Messtischblätter für das Kataster.

Das Wichtigste in Kürze

  • Start: 19. Juni 1801 Gründung des Topographischen Bureaus durch Kurfürst Maximilian IV. Joseph.
  • Nullpunkt: Helmspitze des Nordturms der Münchner Frauenkirche.
  • Methode: Triangulation mit Reichenbach-Repetitionstheodolit, Karten in Soldner-Projektion (14″ gedreht).
  • Ergebnis: 112 Blätter Topographischer Atlas 1:100.000 (1867) und >23.000 Uraufnahmeblätter 1:5.000 (1808–1864).
  • Heute: Daten liegen im BayernAtlas und beim Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung Bayern.

Warum Bayern als erstes Land Europas exakt vermessen wurde

Die politische Neuordnung nach der Säkularisation 1802/03 schuf aus rund 70 Territorien den neuen Staat Bayern. Für eine einheitliche Grund- und Gebäudesteuer – damals Haupteinnahmequelle – fehlten verlässliche Flurkarten. Als französische Truppen 1800 München besetzten und keine genauen Karten vorfanden, wurde der Handlungsbedarf offenkundig.

Kurfürst Maximilian IV. Joseph (ab 1806 König Maximilian I. Joseph) gründete auf Drängen seines Ministers Montgelas am 19. Juni 1801 das Topographische Bureau. Ziel war eine „vollständige, astronomisch und topographisch richtige“ Karte des ganzen Landes.

Wie das trigonometrische Grundnetz entstand

Die wissenschaftliche Basis lieferte die Vermessung einer Basislinie. 1801 maß der französische Oberst Bonne die Strecke Unterföhring–Aufkirchen. Es folgten 1807 die fränkische Basis Nürnberg–Bruck und 1819 die rheinbayerische Basis Speyer–Oggersheim. Darauf baute Johann Georg von Soldner bis 1828 ein flächendeckendes Dreiecksnetz erster und zweiter Ordnung auf.

Entscheidend war der 1808 von Georg Friedrich von Reichenbach entwickelte Repetitionstheodolit. Er erlaubte Winkelmessungen mit bisher unerreichter Genauigkeit. Soldner wiederholte mit diesem Instrument die gesamte Triangulation.

Von der Uraufnahme zum Topographischen Atlas

Parallel zur Triangulation begann 1808 die Königliche Unmittelbare Steuervermessungskommission unter Joseph von Utzschneider mit der Detailvermessung jedes Grundstücks. Das Gelände wurde am Messtisch im Freien aufgenommen – über 23.000 Blätter im Maßstab 1:5.000 (Ortschaften 1:2.500, Franken teils 1:1.250).

Aus je 16 Katasterblättern (1:5.000) entstanden durch Verkleinerung und Kolorierung die Urpositionsblätter 1:25.000. Daraus wurde der Topographische Atlas von Bayern im Maßstab 1:50.000 (später 1:100.000) entwickelt. Der Atlas erschien 1867 in 112 Blättern.

Jahr Meilenstein Verantwortlich
1568 Bairische Landtafeln (Philipp Apian) Herzog Albrecht V.
19.06.1801 Gründung Topographisches Bureau Kurfürst Maximilian IV. Joseph
1801 Basislinie Unterföhring–Aufkirchen Oberst Bonne
1808 Steuervermessungskommission & Reichenbach-Theodolit Joseph von Utzschneider, Johann Georg von Soldner
1812 Beginn Topographischer Atlas Topographisches Bureau
1828 Triangulation abgeschlossen Johann Georg von Soldner
1864 Uraufnahme beendet (>23.000 Blätter) Steuerkataster-Kommission
1867 Topographischer Atlas 1:100.000 (112 Blätter) Kgl. bayer. Generalstab

Die Soldner-Projektion und ihr Erbe

Als mathematische Grundlage diente die Soldner-Kugel (Radius 6.388.172 m) mit der Soldner-Projektion. Sie ist im heutigen Bayern nicht exakt nordorientiert, sondern um 14 Bogensekunden im Uhrzeigersinn gedreht. Im Norden Bayerns ergibt sich daraus eine Abweichung des Münchner Zentralmeridians von rund 16 Metern.

Die rund 901 Urpositionsblätter sind in Reihen (Ost-West von München) und Schichten (Nord-Süd, römisch nummeriert) gegliedert. Fehlende Blätter (z. B. Neu 520, 621–624, 703 im bayerischen Anteil) gehen auf Gebietsverluste nach dem Deutschen Krieg 1866 zurück – die Blätter wurden daraufhin neu nummeriert.

Wichtige Personen der Bayerischen Landesvermessung

  • König Maximilian I. Joseph – ordnete die Uraufnahme 1808 an.
  • Joseph von Utzschneider – leitete die Steuervermessungskommission, initiierte Bureau de cadastre.
  • Adrian von Riedl – Vorstand des Topographischen Bureaus.
  • Johann Georg von Soldner – wissenschaftliche Grundlagen (Denkschrift 1804), Triangulation mit neuem Theodolit.
  • Georg von Reichenbach – Konstrukteur des Repetitionstheodolits, Begründer der optisch-feinmechanischen Industrie in Bayern.
  • Joseph von Fraunhofer – Optik-Innovationen für Vermessungsgeräte.
  • Alois Senefelder – Erfinder der Lithografie, ermöglichte günstige Vervielfältigung der Katasterkarten.

Wie Sie die historischen Karten heute nutzen können

Das Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung Bayern (LDBV) führt die Daten fort. Im BayernAtlas sind neben aktuellen Karten auch historische Positionskarten und Uraufnahmeblätter einblendbar. Für Grundstücksgrenzen und Flächenangaben, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, ist das Katasteramt der erste Ansprechpartner. Wenn Sie Flächenanteile oder Steuerwerte berechnen müssen, hilft unser Prozentrechner bei schnellen Anteilrechnungen.

Häufige Fragen

Wann begann die exakte Vermessung Bayerns?

Der offizielle Start war die Gründung des Topographischen Bureaus am 19. Juni 1801. Die eigentliche Uraufnahme für das Kataster lief von 1808 bis 1864.

Was war der Nullpunkt der Bayerischen Landesvermessung?

Die Helmspitze des Nordturms der Münchner Frauenkirche diente als fixer Nullpunkt für das gesamte Dreiecksnetz.

Welche Projektion wurde verwendet?

Die Soldner-Projektion auf der Soldner-Kugel (Radius 6.388.172 m), um 14 Bogensekunden gegen den Uhrzeigersinn vom geografischen Norden abweichend.

Wo finde ich die historischen Uraufnahmeblätter heute?

Im BayernAtlas des LDBV (bayernatlas.de) lassen sich die historischen Positionskarten und Uraufnahmeblätter als Layer über die aktuelle Karte legen.

Wie viele Blätter umfasst der Topographische Atlas von Bayern?

Der 1867 fertiggestellte Atlas besteht aus 112 Kartenblättern im Maßstab 1:100.000.

Quellen: Wikipedia: Bayerische Uraufnahme · Haus der Bayerischen Geschichte: Wie Bayern vermessen wurde · litera bavarica: Wie Bayern vermessen wurde. Stand: 27.10.2026.